Bertram Reinecke: Mit den Jahren. Selbst 10/24
Bertram Reinecke über seinen Band: "Ich hatte einen zweimonatigen Stipendienaufenthalt im Gerhart Hauptmann Haus in Agnetendorf. In den Monaten vor meiner Ankunft hatte ich Zeit erübrigt, meine Notizen bis hinab in dir 90er Jahre auszuweiden und Material in Dateien zu sammeln. So reiste ich mit einem Ordner mit -zig Seiten Fragmenten, Zeilchen oder Wortfindungen, einem Durcheinanderreden, mit Halbzeugen, einem Gestammel unfertiger Rede in der polnischen Spracheinsamkeit an: Niemand im Gerhart Hauptmann Haus sprach Deutsch. Lediglich der Wirt der Wirtschaft zwei Straßen weiter, bei dem mein Mittagstisch verabredet war, ein Pis-Anhänger, wechselte dann und wann ein paar deutsche Worte mit mir. Ein leidliches Englisch sprach allein die junge Bibliothekarin der Gedenkstätte. Sie hatte zwar die Aufgabe, dort für mein Wohlergehen zu sorgen, blieb mir aber fremd. So hatte ich keine Form der Geselligkeit. Die Tatsache, dass das Internet für audiovisuelle Ablenkung zu langsam war, unterstrich diese Einsamkeit. Es ergab sich ein biografisches Langgedicht, ein Lamento wider die Vergänglichkeit, eine Art verspätete Midlife-Crisis, eine Suada, eine Hassliebeserklärung an die Literatur, ein Langgedicht in 12 Teilen, viel unmittelbarer als meine letzten Gedichte aber dennoch voller literarischer Widergänger und doppelter Böden."
Bertram Reinecke wuchs in Mecklenburg auf und studierte Philosophie und Germanistik in Greifswald. Er lebt in Leipzig. wo er am Deutschen Literaturinstitut studierte und anschließend mehrfach Gastdozent war. 2009 gründete er den Verlag Reinecke & Voß. Neben Prosa, Essays und Vorlagen für Werke der zeitgenössischen Musik erschienen mehrere Gedichtbände, zuletzt „Daphne, ich bin wütend“ im Verlag Poetenladen. Parallel zu „Mit den Jahren / Selbst 10/24“ erscheint 2026 sein zweiter Prosaband „Dornengesichte, Kommentare und Dokumente“ im Engeler Verlag.
Moloko Print | 15 Euro
74 Seiten | ISBN: 978-3911820035